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Fritz Riemann - Grundformen der Angst

„Angst ist ein zu unserem Dasein gehöriges Erleben; in immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. Wir können sie nicht vermeiden ...“; obwohl sie uns nicht immer bewusst ist, ist sie doch immer gegenwärtig. Jeder Mensch erlebt dabei seine persönlichen Abwandlungen der Angst, die es eben nicht abstrakt gibt: „Jeder hat seine persönliche, individuelle Form der Angst, hat seine zu ihm und seinem Wesen gehörigen Ängste, wie er seine Form der Liebe hat und seinen eigenen Tod zu sterben hat“ (Riemann 1974, S. 7).

 

Das Phänomen der Angst ist also individuell diffus – es gibt praktisch nichts, wovor wir nicht Angst entwickeln können. Und dennoch gibt es bestimmte Grundformen der Angst, die mit unserer Befindlichkeit in der Welt zusammenhängen, mit unserem Ausgespannt-Sein zwischen zwei grossen Gegensätzen, die wir aufgrund unseres Menschseins in ihrer Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit leben sollen.

Um diese Grundgedanken anschaulich verständlich zu machen, geht Riemann davon aus, dass der Mensch als Teil des Kosmos in überpersönliche Ordnungen und Gesetzmässigkeiten eingefügt ist und dass er daher die energetischen Gesetzmässigkeiten in sich trägt. Und das heist: „Wir sind in eine Welt hineingeboren, die vier mächtigen Impulsen gehorcht: Unsere Erde umkreist in bestimmtem Rhythmus die Sonne, bewegt sich also um das Zentralgestirn unseres engeren Weltsystems, welche Bewegung wir als Revolution, ‚Umwälzung‘ bezeichnen. Gleichzeitig dreht sich dabei die Erde um ihre eigene Achse, führt also die Rotation, ‚Eigendrehung' benannte Bewegung aus. Damit sind noch zwei andere gegensätzliche bezw. sich ergänzende Impulse gesetzt, die unser Weltsystem zugleich in Bewegung halten, wie diese Bewegung in bestimmte Bahnen ziehen: die Schwerkraft, das Zentripetale, und die Fliehkraft, das Zentrifugale.

Die Schwerkraft hält gleichsam unsere Welt zusammen, richtet sie zentripetal = nach der Mitte strebend, aus, drängt nach innen, hat etwas von einem festhalten und anziehen wollenden Sog. Die Fliehkraft strebt zentrifugal = die Mitte fliehend, von ihr fort, drängt in die Weite, nach aussen und hat etwas von einem treibenden, loslassenwollenden, abstossenwollenden Zug. Eine bestimmte Ausgewogenheit und Gleichgewichtigkeit unter diesen vier Impulsen garantiert erst die gesetzmässige, lebendige Ordnung, die wir Kosmos zu nennen pflegen. Das Überwiegen einer, das Ausfallen einer anderen Bewegung, würde die grosse Ordnung stören, bezw. zerstören“ (Riemann 1974, S. 10 f.).

 

In seinem ‚Gleichnis‘ nimmt Riemann nun an, der Mensch könnte als Bewohner der Erde und winziges Partikel des Kosmos denselben Impulsen unterworfen sein und die entsprechenden Impulse als unbewusste Triebkräfte und zugleich als latente Forderungen in sich tragen. Er übersetzt die beschriebenen Grundimpulse auf der menschlichen Ebene ins Psychologische, fragt also nach ihren Entsprechungen im seelischen Erleben und stösst so auf die erwähnten Gegensätze unseres Lebens.

 

Nach dieser kosmischen Analogie sind wir vier grundlegenden Forderungen ausgesetzt, die in wechselnder Gestalt unser ganzes Leben durchziehen und die in immer neuer Weise von uns beantwortet werden müssen:
 

  • Die erste Forderung ... „ist, dass wir uns der Welt, dem Leben und den Mitmenschen gegenüber öffnen sollen, uns einlassen sollen mit dem ausser uns Seienden. ...Damit ist aber verbunden alle Angst, unser Ich zu verlieren, abhängig zu werden, uns auszuliefern, unser Eigensein nicht adäquat leben zu können, es anderen opfern zu müssen, in der Anpassung zuviel von uns selbst aufgeben zu müssen“ 
     

  • Die zweite Forderung ist, „dass wir alle, jeder für sich, ein einmaliges Individuum werden sollen, unser Eigendasein bewahrend und abgrenzend gegen andere, dass wir unverwechselbare Persönlichkeiten werden sollen, nicht ein austauschbarer Massenmensch und nicht Kind bleiben sollen“.
    Mit dieser Individuation, so führt Riemann aus, sei oft die Angst verbunden, die zu tun hat mit Isolierung, Einsamkeit, Alleinsein, mit dem Herausfallen aus der Geborgenheit des Zugehörens.

    Mit dieser Antinomie stossen wir auf eine paradoxe Zumutung: Wir sollen gleichzeitig Selbstverwirklichung wie auch Selbsthingabe leben, gleichzeitig die Angst vor der Ich- Werdung wie auch die Angst vor der Ich-Aufgabe überwinden.
     

  • Die dritte Forderung, mit der wir konfrontiert sind, ist die nach Dauer: „Wir sollen uns in dieser Welt gleichsam häuslich niederlassen und einrichten, planen, zielstrebig sein, nach vorwärts blicken, als ob wir unbegrenzt leben würden und als ob alles stabil wäre und bliebe, voraussehbar – mit dem gleichzeitigen Wissen, ... dass unser Leben also jeden Augenblick zu Ende sein kann“ .
    Mit dieser Forderung sind Ängste verbunden, die mit dem Wissen um Vergänglichkeit und die irrationale Unberechenbarkeit unseres Daseins zusammenhängen.

     

  • Die vierte Forderung besteht darin, „dass wir immer bereit sein sollen, uns zu wandeln, Veränderung und Entwicklung bejahend, Vertrautes aufgebend, Tradition, Überkommenes und Gewohntes hinter uns lassend, uns lösend und Abschied nehmend, alles nur als Durchgang erlebend."
    Mit dieser Forderung, uns immer lebendig weiter zu entwickeln, ist die Angst verbunden, daß wir durch Ordnungen, Notwendigkeiten, Regeln und Gesetze eingebunden, festgelegt, festgehalten werden könnten, eingeengt und begrenzt in unseren Möglichkeiten und unserem Freiheitsdrang.
     
    Bei diesem scheinbar widersprüchlichen Gegensatz wird uns zugemutet, gleichzeitig nach Dauer und nach Wandlung zu streben und die dazugehörigen Ängste vor der Vergänglichkeit und vor der Erstarrung zu überwinden.

 

Damit sind vier Grundformen der Angst skizziert:

  1. „die Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt;

  2. die Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgenheit und Isolierung erlebt;

  3. die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt;

  4. die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.“

 

Alle möglichen Ängste sind Varianten dieser vier Grundformen und hängen zusammen mit den vier geschilderten Grundimpulsen des Menschen: Die Art der jeweils erlebten Angst und ihr Intensitätsgrad ist nach Riemann in hohem Mass abhängig von der mitgebrachten Anlage und von den vorgefundenen Entwicklungsbedingungen, von unserer psycho-physischen Konstitution also wie auch von unserer persönlichen Biographie, d.h. von der Geschichte unseres Gewordenseins. So ist Angst bei jedem Mensch durch Anlage und Umwelteinflüsse mitgeprägt und dadurch individuell verschieden.
 

Aus dieser Betrachtung können sich vier verschiedene Menschentypen ergeben, die als einseitig akzentuierte Persönlichkeitsstrukturen bereits nicht mehr in sich ausgeglichen sind. „Gesund wäre der Mensch, der die vier Grundimpulse in lebendiger Ausgewogenheit zu leben vermöchte, - gesund im Sinne von ‚heil‘ = ‚ganz‘." Es geht also zunächst um ‚Normalformen‘; - neurotische Störungen in der einen oder anderen Richtung erscheinen dann als (schizoide, depressive, zwanghafte oder hysterische) Grenzformen dieser normalen Schwankungen.

Dabei ist wichtig, zu betonen, dass Menschen hier im Gegensatz zu anderen Typologien nicht schicksalhaft festgelegt werden sollen: „Nicht, weil ich einen bestimmten Körperbau habe, bin ich so und so – sondern weil ich eine bestimmte Einstellung, ein bestimmtes Verhalten zur Welt, zum Leben habe, bezw. erworben habe, prägt dies meine Persönlichkeitsentwicklung und gibt ihr bestimmte strukturelle Züge. - Thomann und Schulz von Thun gehen von den gleichen Grundgedanken aus, formulieren aber statt der ‚Grundformen der Angst‘ vier Grundstrebungen (die auch bei Riemann zu diesen Ängsten gehören): die Grundstrebungen nach Nähe und Distanz, sowie die Grundstrebungen nach Dauer und Wechsel. 

»Vier Elemente, innig gesellt,
bilden das Leben, bauen die Welt.«

Schiller